Hallo ihr treuen Seelen!
Für meine Entsendeorganisation sollte ich einen Abschlussbericht schreiben und den wollte ich euch nicht vorenthalten. Wenn ihr meinen Blog verfolgt habt, dürften euch viele Sachen bekannt vorkommen, aber wenn ihr Lust und Zeit habt, lest gerne trotzdem mal rein.
Es gibt übrigens demnächst ein Event: Am 13.11. findet die Veranstaltung Freiwillige berichten statt, wo meine Mitfreiwilligen, die z. B. in Israel, Griechenland und China waren, von unseren Erfahrungen erzählen. Im Anschluss können sich Menschen zwischen 17 und 26 Jahren für einen Freiwilligendienst bewerben, wenn sie das denn möchten. Das Event ist öffentlich und umsonst und findet um 17 Uhr im Studio DuMont am Appellhofplatz statt. Ihr seid herzlich eingeladen!
Und nun der Abschlussbericht:
Erzählt man, dass man ein halbes Jahr auf einem Bauernhof mitten in der irischen Einöde arbeiten möchte, bekommt man zwei Reaktionen: „Das wäre ja nichts für mich“, was zu meiner Überraschung sehr selten vorkam, denn viel häufiger hörte ich: „Das klingt echt ziemlich cool! Wie bist du darauf gekommen?“
Zufällig. Schon lange wollte ich eine Zeit im Ausland leben, aber irgendetwas hat mich immer abgehalten. Da stieß ich auf die KFA mit ihrem Programm. Weil es so einfach war, schickte ich zum Spaß meine Daten hin und wurde prompt zu einem Info-Abend eingeladen. Die Beschreibung des Farmprojektes sprach mich sofort an, doch ich war mir unsicher: Auf dem Land leben, obwohl ich die Stadt so liebe? Schwere körperliche Arbeit? Ich bin ja eher so ein entspannter bis gemütlicher Mensch…Was ist mit den „einfachen“ Lebensumständen? Gibt es da vielleicht nur ein Plumpsklo? Und dann ist Irland ja auch quasi um die Ecke, ein Projekt in China oder Israel wäre doch bestimmt spannender…Meine Freunde jedoch waren total begeistert und sprachen mir zu. Trotz aller Zweifel wollte ich es aber auch selbst unbedingt erleben, es klang nach einem Abenteuer für mich. Nach 13 Jahren Schule und drei Jahren Studium meine Hände benutzten. Etwas Sinnvolles tun, nicht nur Texte lesen und Zahlen auswendig lernen. Holz hacken, Trekker fahren, mit Tieren arbeiten. Schafe und Kühe statt Pudel und Meerschweinchen. Das Masterstudium würde mir nicht weglaufen und außerdem hatte ich zu dem Zeitpunkt auch keine Lust mehr, in der Uni zu sitzen. Ich würde durch die Bauernhofarbeit vielleicht endlich lernen, meinen inneren Schweinehund zu besiegen, auch meiner Fitness wäre das bestimmt zuträglich. Nicht zu vergessen die verbesserten Englischkenntnisse, was ja auch beruflich gerne gesehen wird.
Die Entscheidung war gefallen und sogar meine Eltern waren überraschend positiv gestimmt. Monate des Wartens, Bangens, Vorbereitens, Gummistiefel-Shoppens später, stieg ich mit meinem Mitfreiwilligen aus dem Flugzeug. Es fühlte sich noch nicht so ganz wahr an, doch das änderte sich schnell, als wir direkt in die Arbeit eingespannt wurden: An diesem Tag war der Shop geöffnet, den der Farmer und die Freiwilligen seit einem Jahr regelmäßig betrieben. Als wir dahin kamen, war er sehr voll, ein typischer Samstag, wie ich mit der Zeit erfahren sollte. Der Laden passte gut nach Cork: Etwas heruntergekommen, aber sehr charmant. Er war rustikal aber liebevoll eingerichtet, die Wände unverputzt, es standen wenige große Holztische darin, um die bunte Stühle drapiert waren. Am besten, man stellt sich ein kleines Café vor: Es gab heiße Getränke, morgens aß man Haferschleim und Nachmittags hausgemachte Suppe oder Apple Pie. Oder man kaufte ein, um zu Hause zu kochen: Es gab Auslagen mit Gemüse, Fleisch, Milch, selbstgemachtem Joghurt und anderen Dingen. Wir wurden zunächst sehr herzlich von unseren Mitfreiwilligen begrüßt und mit Kaffee und Essen versorgt. Im Laden blieb ich dann den ganzen Tag: Mir wurden die Preise und die Kaffeezubereitung erklärt, ich sollte spülen und abtrocknen. Der Farmers Market, der sich vor und um den Laden befand, zog viele Hippies und andere Alternative an und so hatte ich direkt die Gelegenheit Seaweed Salad und Wheatgrass Juice zu probieren. Letzteres war ein unheimlich gesundes Getränk, das auf rätselhafte Art und Weise aus jungen Weizenpflanzen hergestellt wurde und auch tatsächlich nach Wiese schmeckte.



Abends konnte ich mir endlich mein neues Zuhause angucken: Das Basement, also der Keller des Bauernhauses, wo alle vier bis acht Freiwilligen wohnten. Es war einfach, aber gemütlich eingerichtet. Vor allem das Wohnzimmer mit Sofas und Kamin sah behaglich aus, doch auch die Zimmer, die wir uns zu zweit oder dritt teilten, waren schön. Das Badezimmer war zwar nicht unbedingt luxuriös, doch es gab eine richtige Dusche und auch das Plumpsklo blieb mir erspart. Beheizt wurde das Wasser und die Räume mit dem Boiler, einem großen Feuerkessel, der sich in einem Raum neben der Wohnung befand. Das bedeutete auch, dass man morgens nicht direkt unter die warme Dusche springen konnte, es sei denn, man hatte zwei Stunden zuvor Feuer im Boiler gemacht. Über Nacht ging das Feuer aus, es blieb also nachts und morgens so lange kalt, bis jemand den Boiler anmachte und er eine ganze Weile lief. Darauf hatten wir uns aber schon eingestellt, nur an die Kälte mussten wir uns noch gewöhnen.
Das Abenteuer ging dann richtig am Montag los, meinem ersten Arbeitstag. Morgens fuhren wir mit dem Traktor aufs Feld und pflückten Rüben, dann sammelten wir Eier und fütterten die Tiere. Die Farm war sehr groß mit vielen Wiesen, Wäldern, Wegen und Ställen, sie bot dementsprechend Platz für einige große Tierherden. Es gab Kühe, Schweine, Schafe, Hühner und Enten und später auch sehr zutrauliche Ziegen. Außerdem zwei Esel und zwei Bordercollies, die nie von unserer Seite wichen. Das Versorgen der Tiere sollte zur Routineaufgabe werden. Jeden Morgen war das als erstes dran, anschließend fanden wir uns zur Teepause zusammen. Da Tee und Kekse in Irland einen hohen Stellenwert haben (korrekte Teezubereitung hat man auch nach 6 Monaten Aufenthalt nicht komplett perfektioniert), musste ich mich schnell verabschieden von der Idee eines durch die harte Arbeit gestählten Körpers. Während der Teepause wurde die Arbeit des kommenden Vormittages besprochen, später trafen wir uns wieder zum Mittagessen in unserer großen Küche, bevor wir die letzten paar Stunden Arbeit in Angriff nahmen.






Einige Aufgaben änderten sich über die Zeit nicht: Tiere füttern, Ställe ausmisten (zum Glück nicht so oft, wie ich es erwartet hätte), Kuh- und Schafherden über die Straße zu einem Feld treiben, Gemüse ernten, Feuerholz mit einer Maschine spalten und einlagern, den Shop vorbereiten. Dazu gehörte das sterilisieren und befüllen von Milchflaschen, die Herstellung von Joghurt und das Schneiden von Suppengemüse. Der Shop hatte an drei Tagen die Woche geöffnet. Ein Teil der Freiwilligen arbeitete dann dort, während die anderen sich um die Farm kümmerten. Es war eine nette Abwechslung, in Cork zu sein. Die zweitgrößte Stadt und ehemalige Hauptstadt Irlands ist zwar mit 120 000 Einwohnern immer noch recht übersichtlich, hat aber viel zu bieten: Gemütliche Cafés, schicke Restaurants, eine reiche Auswahl an Klamottenläden und vor allem viele gemütliche Kneipen. Regelmäßig blieben wir über den Samstagabend in einem Hostel, um eine Pubtour zu machen, Livemusik zu hören und fantastische Pizza zu essen. Ich kann wohl bedenkenlos behaupten, jeder von uns Freiwilligen hat sich in der Zeit ein bisschen in diese Stadt verliebt. Die Iren machen es einem aber auch wirklich leicht, sich wohlzufühlen: Freundlich, ungezwungen, sehr höflich, dabei aber natürlich und immer zu lockerem Smalltalk und einem Scherz aufgelegt. Das machte auch die Arbeit im Shop und auf dem Marktstand sehr angenehm, denn böse wurde niemand, wenn man sich mal mit dem Preis nicht sicher war oder der Kaffee etwas länger dauerte.




Aber auch die Farmarbeit machte mir Spaß: Wie ein Kind im Matsch habe ich mich nach dem ersten Arbeitstag gefühlt. Wann darf man sonst schon einmal schmutzige Fingernägel haben? Auch das Traktorfahren, auf das ich mich so gefreut hatte, kam nicht zu kurz. Nach ungefähr zwei Monaten hatte ich es auch einigermaßen raus, mit dem Anhänger rückwärts zu fahren, ohne mich ständig zu verkanten und die Farm in Schutt und Asche zu legen.
Neben den alltäglichen Aufgaben gab es auch welche, die mit der Saison variierten. Ich war von November bis Mai auf dem Hof, also bekam ich vor allem den Winter und den Frühling mit. Zunächst war da die große Kartoffelernte, die bei uns Freiwilligen mittelmäßig beliebt war. Dafür standen wir auf einer mächtigen Maschine, die an einem großen Traktor hing. Dieser fuhr über das Feld und förderte Kartoffeln sowie Steine und Erde auf einem Fließband zutage. Nun stand man den ganzen Tag an diesem Fließband und sortierte Steine aus, wobei das Band recht schnell lief und es mit der Zeit nicht unbedingt wärmer wurde. Das machten wir aber nur ein paar Mal und als wir am Ende des Tages oben auf die riesige Kartoffelkiste kletterten, um die letzte Abendsonne zu genießen, waren wir eigentlich schon wieder versöhnt. Im Winter sollten wir außerdem junge Eichenbäume beschneiden.


Ein großes Ereignis war es außerdem, als kurz vor Weihnachten endlich die beiden Welpen zur Welt kamen, auf die wir uns lange gefreut hatten.



Weihnachten verbrachten wir Freiwilligen zusammen auf der Farm, samt selbstgefälltem Weihnachtsbaum, Wichtelgeschenken und einem Weihnnachtsbraten mit Rotkohl und Klößen (Wir waren überrascht, wie gut er schmeckte, hatten wir ihn doch in unserem altertümlichen Ofen zubereitet, der mit Holzscheiten befeuert wurde).
Als es Frühling wurde, kam auch die Zeit der Tiergeburten. Besonders viel zu tun gab es bei den Schafen, da es unheimlich viele waren und je nach Wetter und Gesundheit des Mutterschafes regelmäßig Probleme entstanden. Wir fütterten Lämmchen aus der Flasche, molken Schafe und Ziegen, gewöhnten einige Lämmer an ihre Adoptivmütter, indem wir sie dazu brachten, von ihr zu trinken, assistierten bei Geburten oder fingen Schafe ein, was ein sowohl anstrengendes wie auch spaßiges Unterfangen war.

Wir brüteten außerdem Küken in einem Inkubator aus und konnten gar nicht genug Fotos und Videos machen, als wir sie beim Frühstück auf unserem Tisch herumliefen ließen.



Im Frühling bereiteten wir auch die Felder vor, befreiten sie von Steinen, gruben sie um und pflanzten Gemüse. Zwischendrin war aber auch genug Zeit für Urlaub: Mich besuchten viele Freunde, ich reiste ein wenig in Irland herum, schaute mir mit den anderen Freiwilligen weiträumige Nationalparks mit wilder Natur und malerische Küstenstädte an.



Die Zeit ging schneller vorbei, als ich es erhofft hatte und plötzlich sah ich meiner Heimreise entgegen. Es fiel mir schwer, wieder heim zu fahren, ich hatte mich so sehr an das Arbeiten an der frischen Luft gewöhnt, das Landleben, Cork und Irland, dass ich mir erst einmal bewusst machen musste, worauf ich mich in Köln freute. Als mir dann doch eine ganze Menge einfiel, konnte ich mich aber darauf einlassen und fuhr um viele Erfahrungen bereichert wieder in die Heimat.
Was genau habe ich nun mitgenommen? Ich versuche mal, mich von außen nach innen vorzutasten: Zunächst ist da natürlich mein Englisch, das mir nun wesentlich natürlicher über die Lippen kommt. Englisch zu sprechen macht mir jetzt Spaß und ich höre gerne zu, wenn ein Muttersprachler spricht.
Ganz eindeutig war ich auch körperlich stärker geworden: Baumstümpfe, Benzinkanister, Milcheimer; alles kein Problem mehr. Dinge, die ich vorher nicht heben konnte, konnte ich plötzlich tragen. Diese neue Erfahrung machte ich ungefähr nach der Hälfte meines Aufenthaltes, obwohl die schwere körperliche Arbeit, vor der ich mich ein bisschen gefürchtet hatte, sich wirklich in Grenzen hielt. Klar gab es anstrengende Aufgaben, aber das war lange nicht jeden Tag der Fall.
Gegenüber Ekel bin ich jetzt übrigens auch relativ abgehärtet. Auf dem Bauernhof geht es oft eklig zu, es stirbt ein Tier und liegt eine Weile rum, es wird ein Tier geboren und man sieht Innereien, man muss seine eigene verstopfte Toilette reparieren oder den Kuhstall ausmisten. Doch irgendwie machte mir das alles schnell nichts mehr aus. Nach dem Motto „Ist doch eh nur Scheiße“ duscht man sich am Ende des Tages gründlich ab. wirft die Klamotten in die Wäsche und fühlt sich wieder frisch. Auch was Fleisch und Schlachtung angeht, ist der Ekel ziemlich schnell Neugierde gewichen. So begab ich mich einmal freiwillig in den Wald, um zuzusehen, wie der Farmer eine tote Ziege ausnahm, die schon eine Weile dort gelegen hatte. Er wollte wissen, ob sie schwanger gewesen war und zeigte den daran interessierten Freiwilligen ihre Organe und anderen Bestandteile (sie war übrigens nicht schwanger, ich war dann doch ganz erleichtert, das nicht sehen zu müssen). Ganz am Ende meiner Zeit fuhr ich mit zum Schlachter. Es war eine blutige Angelegenheit und ich glaube, vorher hätte ich das nicht ohne weiteres mit ansehen können, doch in dem Moment machte es mir nichts mehr aus: Die sechs Monate Landleben und die Erfahrung mit der Ziege hatten mich so sehr abgehärtet, dass es mich manchmal sogar erschreckte. Kurz darauf wollten wir uns auch um die Erfahrung bereichern, selbst ein Huhn zu schlachten, auszunehmen und zuzubereiten, was der Farmer uns auch ermöglichte. Es schmeckte leider ziemlich zäh, doch die Erfahrung nahmen wir mit.
Wichtiger als das ist aber wahrscheinlich, wie ich mich persönlich verändert habe. Zunächst einmal habe ich das Gefühl, dass ich mutiger geworden bin. Das betrifft sowohl Kleinigkeiten als auch große persönliche Entscheidungen. Da mir nur noch zwei Jahre meines Studiums bleiben, überlege ich so langsam, was danach und dazwischen passieren soll und bekomme den Eindruck, dass mir die Welt viel offener steht, als ich bisher dachte. Ich fühle mich auch unabhängiger als bisher: Ich hatte mir schon lange gewünscht, eine Zeit im Ausland zu leben und das habe ich mir nun auf eigene Faust ermöglicht. Ich habe mehr denn je das Gefühl, ich könne auf mich selbst aufpassen und dass ich Unterstützung finde, wenn ich das tue, was ich für richtig halte.
Ich bin außerdem unglaublich dankbar für die Freundschaften, die ich dort geschlossen habe. Man wohnt zusammen, teilt sich Zimmer, Essen und Arbeit, Sorgen sowie glückliche Momente. Nach zwei Wochen kennt man sich, nach vier Wochen ist man gut befreundet und danach wird es nur noch besser.

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